Saturday, 10. january 2009 6 10 /01 /Jan. /2009 19:03
Marhaba und allen ein frohes neues Jahr!!

Seit 5 Monaten hier und endlich bin ich angekommen. Es ist Freitag das heißt draußen ruft der Muezzin doppelt so laut wie sonst, jetzt schon seit einer Stunde. Mir geht es gut. Ich vermisse ein bisschen die Freiheiten, die ich in Deutschland hätte, aber zum Glück gibt es in Jerusalem ein paar Volontäre, bei denen ich manchmal übernachten kann und dort herrschen europäischere Verhältnisse. Alleine in Palästina zu sein (und besonders als Frau) ist relativ schwierig. Die Familie hat einen so hohen Stellenwert, dass kaum jemand es nachvollziehen kann, warum man alleine so weit weg von sämtlichen Verwandten ist. Freunde spielen in der Regel eine kleinere Rolle als die Familie, die immer Priorität hat (und mit Familie meine ich alle bis zum letzten Großcousin). Freundschaften werden dadurch kompliziert, dass die meisten Frauen in meinem Alter langsam ans Heiraten denken, oder schon verheiratet sind, bei Männern das Gleiche, nur dass man da zusätzlich aufpassen muss, dass man nicht aus Versehen den Eindruck erweckt man wäre selber eine Kandidatin. Ansonsten muss ich sagen, dass ich gerade von den arabischen Männern positiv überrascht bin: das klassische Gerücht besagt, dass man sich hier als Frau praktisch nicht alleine bewegen kann – falsch! Abgesehen von Kommentaren wie „Hi, how are you“ und „Welcome“ wird einem in Ramallah in der Regel nicht einmal etwas hinterhergerufen, obwohl man als Ausländer auffällt als hätte man sich das Wort auf die Stirn tätowiert. Bis jetzt wurde ich immer sehr respektvoll behandelt und im Bus stehen die Männer sogar für einen auf, egal ob man Ausländerin ist oder Palästinenserin.

Hier wird es einfach nie langweilig! Wenn die ganzen politischen Spannungen nicht wären, wäre Israel/Palästina das perfekte Urlaubsziel! Diesen Monat habe ich es endlich geschafft ans Tote Meer zu fahren (eine Leistung, wenn man bedenkt, dass es nur eine Stunde Fahrt ist…). Dort ist es gleich mal zehn Grad wärmer und während wir in Ramallah schon Pullis tragen, konnte man dort ohne Probleme im Bikini baden! Aber zuerst sind wir noch ein bisschen gewandert bzw. geklettert in einem der tausend Nationalparks, die es hier gibt. Hinterher ins Wasser zu gehen war echt eine lustige Erfahrung, dieser Schwebezustand, aber da man nicht wirklich schwimmen kann, wird es schnell langweilig. Wir haben dann noch gemütlich gepicknickt und sind wieder nach Hause gefahren. Mittlerweile habe ich fast alles gesehen, was es zu sehen gibt, mir fehlen nur noch Tel Aviv (angeblich der „Big Apple“ des Nahen Ostens, was ich ja für eine grobe Übertreibung halte…) und die Negev. Vielleicht finde ich sogar noch ein Möglichkeit nach Nablus zu gehen, mal sehen.

Dieses Land (oder Länder) ist unglaublich kompliziert und anstrengend und manchmal so frustrierend, dass ich nicht verstehen kann, dass sich überhaupt jemand noch damit beschäftigen will, aber gleichzeitig hat es etwas an sich, das einen nicht mehr loslässt. Wenn man nach nur einer Stunde Fahrt im Toten Meer badet, oder in Ramallah in einem schicken Restaurant alle wie gebannt auf die Fernseher starren, weil dort irgendeine türkische Telenovela läuft, oder das Service-Taxi einfach mal kurz wartet, damit irgendjemand schnell einkaufen gehen kann, dann merkt man, dass die Leute und die Kultur es zu etwas Besonderem machen. Vor kurzem war „‘Id-al-Adha“, das Opferfest. Auf den Straßen wurden Hunderte von Schafen geschlachtet, ein sehr gewöhnungsbedürftiger Anblick, aber gleichzeitig auch irgendwie berauschend…

Obwohl ich Ausländerin bin geht ein großer Teil meiner Zeit im Bus und an Checkpoints drauf. Ich war noch nie ein besonders geduldiger Mensch, aber mit der ganzen Übung, die ich hier bekomme wird es langsam besser… ich glaube es gibt einfach einen Punkt, an dem man sich nicht mehr mehr aufregen kann und resigniert, ob man es will oder nicht. Vor allem die jungen Leute haben es hier wirklich nicht leicht. Selbst wenn sie eine gute Ausbildung haben, gibt es hier nicht genug Arbeitsplätze und nach Israel, wo man für egal welchen Job besser bezahlt wird, dürfen die meisten nicht. Als Deutscher würde man vermutlich einfach auswandern, aber die Palästinenser sind unvorstellbar stark mit ihrem Land verbunden. Ich habe jetzt schon öfter Leute getroffen, die sehr qualifiziert sind und sogar Verwandte im Ausland haben, die ihnen Jobs besorgen könnten, aber trotzdem nicht gehen wollen, oder weg waren und wiedergekommen sind. Ich glaube das ist auch einer der großen Punkte, in denen sich die Israelis verrechnen: man hat das Gefühl, dass sie zumindest zum Teil immer noch glauben, dass die Palästinenser, wenn man ihnen das Leben nur schwer genug macht, von alleine gehen.

An dieser Stelle sollte ich vielleicht mal etwas klar stellen. Was ich schreibe klingt ja schon überwiegend pro-palästinensisch und nicht sehr neutral. Dabei ist es mir wichtig zu sagen, dass ich hier auf keinen Fall „anti-israelisch“ oder sogar Schlimmeres geworden bin. Es ist nur so (und diese Erfahrung teilen die meisten, die einige Zeit hier verbracht haben), dass man hier täglich vor die Nase gehalten bekommt, dass die Palästinenser den Israelis militärisch und organisationstechnisch so stark unterlegen sind, dass es schon fast lächerlich ist. Seit kurz nach Weihnachten greift Israel jetzt den Gaza-Streifen an. Am Abend des Tages an dem die ersten Bomben auf Gaza abgeworfen wurden war ich bei der Familie einer Kollegin eingeladen und dort lief die ganze Zeit der Fernseher. Als ich wieder zu Hause war, konnte ich nachfühlen, wie sich die Bevölkerung der Westbank fühlt: dieses Gefühl, dass das die eigenen Landsleute sind, von denen jeden Tag wieder hundert mehr tot sind und dreihundert mehr verletzt; dass im Grunde genauso gut die eigenen Kinder in der Schule hätten sein können, die da bombardiert wurde. Ohnmacht beschreibt es wahrscheinlich am besten. Die Demonstrationen, die täglich stattfinden, von denen alle wissen, dass in den internationalen Medien nicht davon berichtet wird, tagelanger Streik, der keinen einzigen Israeli beeindruckt, in Ramallah alle Silvester-Partys und alles Feuerwerk abgesagt – keiner ist in der Stimmung zu feiern – und was kann man schon tun? Alle Diskussionen drehen sich um immer die gleichen Themen, im Bus, in den Geschäften, aber Einfluss hat keiner. Was mich immer wieder beeindruckt, ist dass der Aufschrei in der Bevölkerung nicht lauter ist. Aber auf irgendeine Weise ist das fast schlimmer, als wenn die dritte Intifada losgebrochen wäre: die Menschen hier sind an solche Dinge gewohnt! Sie haben in der Geschichte mehrmals versucht für ihre Rechte und Überzeugungen zu kämpfen, sind gescheitert und das hat sie irgendwie gebrochen.
Das ist etwas, mit dem ich niemals gerechnet hatte, und das man auch nicht vermittelt bekommt von den Bildern mit brennenden Israel-Flaggen und vermummten Hamas-Kämpfern, aber man spürt es immer wieder. Ein Deutscher würde es sich niemals gefallen lassen, auf dem Weg zur Arbeit dreimal angehalten und kontrolliert zu werden, und das jeden Tag - den Aufruhr muss man sich nur mal vorstellen!

Was die Hamas tut und getan hat ist natürlich so oder so indiskutabel, aber die Befürchtung, die auch viele Experten geäußert haben trifft leider zu: Durch das Verhalten Israels wurde den Extremisten direkt in die Hände gespielt, auch hier in der Westbank tun sich immer mehr Menschen schwer, deutlich gegen sie zu sprechen, die Loyalität mit den Toten und Verletzten geht vor. Beobachter machen sich Sorgen was passiert, wenn hier im April tatsächlich die geplanten Wahlen stattfinden sollten. Das Vertrauen in die Fatah (Gegenpartei zur Hamas, an der Macht in der Westbank) schwindet, da Mahmoud Abbas keine großen Schritte in Richtung Unabhängigkeit vorzuweisen hat und außerdem kein Mann von großen Auftritten vor dem Volk ist. Die Hamas hat den Ruf sich um die einfachen Leute zu kümmern, was hauptsächlich historische Gründe hat: „Die Gruppe enthielt sich während der frühen siebziger und achtziger Jahre der "hohen" Politik und konzentrierte sich auf moralische und soziale Hilfe, wie etwa Angriffe auf die Korruption, sie versuchte Vertrauen aufzubauen und organisierte Gemeinschaftsprojekte.“(www.wikipedia.de) Eine Option ist, dass die Wahlen einfach verschoben werden, bis die Gemüter sich beruhigt haben und genug Leute die Fatah wählen… was wiederum mein Vertrauen in die palästinensische Demokratie nicht unbedingt bestärken würde.

Ich merke gerade, dass ich noch gar nichts über meine Arbeit geschrieben habe. Wenn das Umfeld so aufregend ist, vergisst man leicht, dass es ja auch noch einen Alltag gibt. Ich arbeite immer noch im Kindergarten und bin mittlerweile ein richtiger Teil des Teams. Es ist ein schönes Gefühl, dass wir alle, Kolleginnen und Kinder eine so eingespielte Routine haben, wenn ich vor ein paar Monaten noch nicht einmal im Land war! Ich habe mittlerweile auch schon ein paar Mal in der Schule ausgeholfen, was eine tolle Erfahrung war, die behinderten Kinder sind alle sehr lieb, auch wenn viele es zu Hause nicht einfach haben. Einen Tag lang habe ich mich mit einem Mädchen beschäftigt, dass im Rollstuhl sitzt und deshalb nicht mit zur Olivenernte konnte und am Anfang dachte ich „das wird nie was!“, aber im Endeffekt haben wir uns dann richtig gut verstanden, auch wenn sie die ganze Zeit Sachen runter geworfen hat, die ich dann wieder aufheben musste, weil sie das lustig fand… Im Advent hatte ich die Aufgabe mit einer Klasse Weihnachtsplätzchen zu backen und da waren die Kinder sehr begeistert und hochkonzentriert bei der Sache! Die Plätzchen haben wir dann auf dem Weihnachtsmarkt im Goethe-Institut verkauft, zusammen mit ungefähr 30 Christstollen, die hauptsächlich ich gebacken hatte – ich werde nie wieder Stollen essen!

Wie habe ich Weihnachten verbracht, so weit weg von der Familie? Am 24. gegen Mittag bin ich zuerst nach Ramallah gefahren (wo man außer ein Bisschen kitschiger Deko nichts von Weihnachten merkt) und dann nach Jerusalem. Nachdem ich erst geholfen hatte die Kirche zu schmücken, gab es ein großes Essen in der Gemeindebibliothek, Sauerbraten, Rotkraut und Kartoffelbrei – von Arabern zubereitet! Anschließend fand ein großer Weihnachtsgottesdienst statt. Das Besondere daran: mehr als die Hälfte der Gottesdienstbesucher waren israelische Juden! Hier scheint deutsche Weihnacht eine echte touristische Attraktion zu sein. Der Gottesdienst (so überfüllt, dass viele stehen mussten) war viersprachig: Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch, damit jeder wenigstens ein Bisschen verstehen konnte… sehr skurril!
Als der Gottesdienst vorbei war, fing der anstrengende Teil des Abends an. Wie jedes Jahr konnte wer wollte (hauptsächlich Volontäre) zu Fuß nach Bethlehem gehen. Wir sind ca. um zwölf los und haben ungefähr drei Stunden gebraucht, bei Regen und furchtbar kaltem Wind! In Bethlehem war dann vom ganzen Weihnachtsrummel kaum noch was zu spüren, dafür konnten wir in die Geburtskirche und dort einen armenischen Gottesdienst beobachten, bevor wir wieder durch den Checkpoint und mit dem Taxi zurück nach Jerusalem gefahren sind.

Jetzt nach Weihnachten war meine Familie zu Besuch. Eine sehr schöne Erfahrung, Außenstehenden alles zu zeigen, was ich in den letzten Monaten entdeckt habe und man bekommt auch nochmal einen ganz anderen Blick auf die Dinge, wenn man die Reaktionen von anderen miterlebt. Ich dachte, dass ich vielleicht Heimweh bekommen würde, aber das ist überraschenderweise überhaupt nicht passiert, ich habe das sehr starke Gefühl, dass ich noch mehr Zeit hier brauche. Das Land ist so vielschichtig und ich kratze bisher nur an der Oberfläche. Selbst wenn ich weiß, dass ich hier nie komplett dazugehören würde, mich nie völlig anpassen könnte, wandere ich momentan doch noch ein bisschen zu verloren und mit großen Augen hier herum. Ein Faktor ist natürlich auch die Sprache, die doch richtig schwer ist und in der ich trotz zweier Kurse noch ziemlich schwimme. Kleinere Unterhaltungen gehen schon, meine Dreijährigen habe ich im Griff und bis jetzt noch nicht aus Versehen einen Heiratsantrag angenommen, aber mit den meisten Leuten kann man halt auch so schön Englisch reden…

Trotz aller Unsicherheit was die politische Lage angeht, bin ich immer noch sehr glücklich hier zu sein und freue mich, noch ein paar Monate zu haben um dieses Land zu verstehen. Um die restlichen Zweifel zum Thema Sicherheit zu beseitigen: geschlossene Checkpoints bedeuten nicht, dass man als Ausländer nicht mehr nach draußen kommt, ich lese regelmäßig die Sicherheitshinweise des deutschen Vertretungsbüros in Ramallah und im Notfall ist man von hier in einer Stunde am Flughafen in Tel Aviv.

Macht euch keine Sorgen!
von Thareesa
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Monday, 10. november 2008 1 10 /11 /Nov. /2008 18:52

halli hallo, ich bin`s endlich mal wieder!!

Es ist mal wieder viel losgewesen die letzten Wochen… Meine lieben EMS-Kollegen aus Jordanien waren hier (Schneller-Schule) und haben mich besucht. Dadurch bin ich auch endlich mal dazu gekommen mir die Jerusalemer Altstadt ganz touristisch anzuschauen… sehr nett!

Letzte Woche habe ich zum ersten Mal nicht im Kindergarten, sondern in der Schule gearbeitet (auch auf dem Sternberg) was total interessant war! Zuerst dachte ich, dass ich da bestimmt keine große Hilfe sein könnte, so komplett ohne Erfahrung mit Behinderten und mit höchstens fragmentarischen Arabischkenntnissen und dann wurde ich auch noch sofort einen Vormittag mit einem Mädchen im Rollstuhl allein gelassen!! … aber irgendwie haben wir uns arrangiert, haben den ganzen Vormittag Perlen in Flaschen gefüllt… meine Feinmotorik ist jetzt super!! ;-) Und auch der Rest der Woche war wirklich besser als erwartet! Meine Aufgabe besteht im Grunde nur darin dabeizusitzen und aufzupassen, dass die Kinder keinen Quatsch machen, während die richtige Lehrerin den Unterricht gestaltet (Kerzen auspusten, Puzzles, Geschichten nacherzählen, ein paar Buchstaben…). Und die Kinder sind echt total nett, haben mich sehr schnell akzeptiert! Dass ich in der Schule war, lag daran, dass dort jmd. krank war, aber in Zukunft werde ich evtl. auch regulär öfter dort sein… mal sehen.

Der Herbst ist hier nicht ganz so wie ich ihn mir vorgestellt hätte… im Grunde so wie der Frühling in Deutschland!! Warm, alles wird grün, ich hab sogar schon ein paar Osterglocken gesehen!!! Und das Wichtigste: die Oliven sind reif! Da hier auf dem Gelände ziemlich viele Olivenbäume stehen und die ja irgendjemand abernten muss, wurden alle Mitarbeiter+Schüler zur Olivenernte abkommandiert. Ich musste nur einen Tag mithelfen, weil im Kindergarten so viel zu tun war, aber das war echt eine coole Erfahrung! Ein Tag reicht dann aber auch, man hat hinterher einen ziemlichen Muskelkater!! J

Als Kontrast zur Olivenernte habe ich dann diese Woche zum ersten Mal Stollen gebacken!! In der deutschen Gemeinde in Jerusalem ist bald Adventsbazar und da der Sternberg da größere Mengen an Weihnachtsgebäck liefern soll mussten wir schon mal probebacken… ein seltsames Gefühl wenn es draußen noch so warm ist, aber es hat gut geschmeckt!! ;-)

Und gestern waren wir mit 10 Kindern in Jerusalem zum Laternenbasteln und St.Martins-Umzug!!! Total stressig und als wir dann singend (deutsche Lieder natürlich…) durch die Altstadt gezogen sind, sind wir natürlich aufgefallen wie sonst was!! Wir wurden sogar gefragt ob das ein Umzug zu Ehren von Barack Obama sei…! J Die kommen auf lustige Ideen die Araber…

Ihr seht, ich hab hier mehr von der deutschen Kultur als ihr in Deutschland! J Gar kein Grund Heimweh zu haben.

Es ist auch gut sich abzulenken… sonst macht einen dieses Land irgendwann wahrscheinlich ziemlich bitter… Auch wenn ich es immer noch sehr sehr interessant finde, bin ich oft frustriert, wie alle, die hier länger sind… Trotzdem versuche ich mir einen gewissen Optimismus zu behalten, was mir ganz gut gelingt… hoffen wir mal, dass das so bleibt!

 alles Liebe, bis bald!

von Thareesa
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Thursday, 2. october 2008 4 02 /10 /Okt. /2008 21:11
huhuuuuuu!! nachdem jetzt schon gemeckert wurde weil ich ja ach so selten schreibe (okeeeh, ihr habt ja recht... ), dachte ich, ich melde mich mal wieder...
Also. Ich bin jetzt praktisch 2 Monate hier und hab mich richtig eingelebt. Ramadan geht gerade zu Ende und darüber bin ich echt froh, weil man sich dann endlich wieder einigermaßen auf die Taxis verlassen kann!

Letzte Woche habe ich 2 1/2 stunden nach Jerusalem zu meinem Arabischkurs gebraucht (statt normalerweise 1) und musste zu Fuß durch den Checkpoint und dort 1 stunde warten (normalerweise können Nichtpalästinenser im Taxi sitzenbleiben... :-S). Während wir da drin standen (ist so ein leichtes Schlachthoffeeling...) und immer nur 5 Leute gleichzeitig durchgelassen wurden, hat dann der Muezzin zum Fastenbrechen gerufen!! Die Leute hatten alle seit morgens um 3:00 nichts mehr gegessen und getrunken und konnten nicht nach Hause zum Essen!!! Manche hatten dann was dabei und haben z.B. Wasser rumgereicht oder halt da im Checkpoint geraucht, aber ich bin immer wieder überrascht wie ruhig die Leute bleiben, wenn ich teilweise vor Genervtheit und Wut am liebsten rumschreien würde!!! Das ist so wie das Gefühl wenn man irgendwo dringend hinmuss und der Bus kommt einfach nicht - nur viel stärker! Man ist sooo machtlos...

Diese Woche waren alle Checkpoints zu (die ganze Westbank abgeschottet, ich glaube sogar der Grenzübergang nach Jordanien...) wegen Rosch Haschana (jüdisches Neujahrsfest) und wurden erst gestern abend wieder aufgemacht. Als ich gerade vom Arabischkurs nach Hause fahren wollte, hieß es vom Taxifahrer "nur bis zum checkpoint" - d.h. ich musste wieder zu Fuß durch (in die Westbank rein wird man allerdings gar nicht kontrolliert, nur wenn man raus will) und danach noch ca. nen Kilometer laufen, weil da ein riesen Stau war!!! Man muss dazusagen, dass die Palästinenser auf eine extrem kreative Art Autofahren: wenn sie irgendwo hinwollen, dann ist ihnen keine Lücke zu klein! In diesem Fall bin ich wohl in den Rückreiseverkehr nach den Ramadanfeierlichkeiten (Id al-fitr) geraten - die Autos sind auf drei Spuren auf den Checkpoint zugefahren (eigentl. ist diese Straße nur zweispurig... mit Leitplanke in der Mitte!!!) und es ging nichts mehr!!! 
Na ja... wenigstens waren noch andere Leute unterwegs (dort ist es manchmal etwas gefährlich, weil in der Nähe des Checkpoints ein Flüchtlingslager ist - so gut wie ein Slum...) und schließlich bin ich auch wieder einem Taxi begegnet. 

Meine beiden Mitbewohner sind wieder zu Hause in Deutschland, was echt schade ist, weil wir uns super verstanden haben, aber zum Glück war ich nur eine Woche ganz alleine, jetzt ist ein Mädel hier eingezogen, das ein Praktikum in Ramallah macht und mit ihr klappt auch alles ganz gut. Es ist halt ganz wichtig jemanden zu haben, weil allein und als Frau kommt man sonst nicht sehr weit ohne größeres Aufsehen zu erregen (man fällt als Europäer sowieso schon genug auf...).

Letzte Woche bin ich das erste Mal hier Auto gefahren!!! Das ist echt eine Erfahrung, weil man sich erstens total auf den (milde gesagt) chaotischen Verkehr konzentrieren muss und dann auch noch jeder Zeit wie aus dem Nichts eine "Verkehrsberuhigungsschwelle" (deutsch ist blöd: "Bumper") auftauchen kann!!! Das heißt 50 km/h ist echt schon das Höchste der Gefühle!!! Ach, und geblinkt wird übrigends auch nicht: wofür gibt es schließlich Hupen??!!

Die Arbeit ist wie immer: die Kinder sind (meistens...) goldig, aber anstrengend, mit meinen Kolleginnen verstehe ich mich gut und ich bin jetzt langsam Profi was 3jährige angeht... *Hilfe ich werde zur typischen Kindergärtnerin!!!! Ich hab schon einen Ohrwurm von "Heile, heile Segen"!!!!!!* ;-)

Ach, und von Israel habe ich mittlerweile auch schon einiges gesehen: vorletztes Wochenende waren wir (meine Chefs und ich) auf einem "Volontärsausflug" (also für mich...) nach Galilea (Nordisrael). Wir haben in einer "Jugendherberge" (in Dtl. wär so was ein 4-Sterne-Hotel...) am See Genezareth übernachtet und von dort aus dann immer so Tagesausflüge gemacht (die beiden Praktikanten waren auch noch für zwei Tage da, bevor sie geflogen sind): wunderschöne Naturschutzgebiete und Nationalparks!!! Israel hat ja insgesamt so um die 5 verschiedenen Klimazonen und man kann glaube ich wirklich alles finden was die Natur so zu bieten hat: von Wüste über Strand über Wälder bis zu Hochland gibt es einfach alles!!! Das Beste war eine Poolwanderung, bei der man immer ein Stück klettern musste und dann durch natürliche Pools schwimmen (mit Schuhen und allem!!). Bei um die 40 Grad ist das echt das Beste was man machen kann!! War aber auch ziemlich anstrengend und ich hab mir üble Blasen geholt...

Mittlerweile ist dann auch das mit den 40 Grad nicht mehr wahr... letzten Freitag hat es das erste Mal geregnet seit ich hier bin!!! Nachts wird es jetzt auch schon ziemlich kalt und tagsüber ist es nur noch manchmal heiß. Trotzdem ein echter Luxus das Wetter!!! Wenn es dann im Winter richtig kalt wird, haben wir ein Problem: die Häuser sind hier nicht richtig isoliert, das heißt KAAAAAAAAAAAALT!!!!! :-)

So. Jetzt fällt mir nix mehr ein... Ich hoffe es geht euch allen gut und ihr feiert für mich mit , meldet euch mal alle!!!

ma-y-salame und yalla, bye!!!

 
von Thareesa
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Thursday, 4. september 2008 4 04 /09 /Sept. /2008 20:35

hey ho... Endlich melde ich mich mal wieder!

Tja. Wie das hier nunmal so ist, kann sich alles von jetzt auf nachher ändern: Die Lehrer haben keine Permission bekommen und wir konnten nicht nach Tabgha (Camp) fahren. Wie traurig die Behinderten waren, könnt ihr euch wahrscheinlich vorstellen! Die anderen waren kaum überrascht, solche Sachen ist man hier gewohnt, die meisten haben sowieso nicht damit gerechnet, dass es klappt... ist echt krass, wie die Israelis so etwas wenn überhaupt am Tag vorher geben und wenn nicht gibt es keine Erklärung - "Innere Sicherheit" - traurig.

Am Sonntag waren wir in Jericho, der tiefstgelegenen und ältesten dauerhaft bewohnten Stadt der Welt! Die Fahrt dorthin war wahnsinnig: die reinste Mondlandschaft! Über Jericho selber lässt sich nicht soo viel sagen: wir haben es nur 3 Stunden dort ausgehalten, so heiß war es! (wobei wir hitzetechnisch ja 40 Grad gewohnt sind!) Die Stadt an sich ist eigentlich ganz schön, viele Palmen und so... die Einwohner haben uns erzählt: "hier ist es im Winter das Paradies und im Sommer die Hölle!“ – eine Oasenstadt… vielleicht geh ich ja im Winter nochmal hin.

Diese Woche war dann erst nochmal arbeiten: jetzt bin ich zusammen mit einer anderen Kollegin (studiert noch und ist echt nett) für die älteren Kinder zuständig und wir haben noch eine Babygruppe – es geht alles ziemlich drunter und drüber!  

Das wirklich Spannende war aber was anderes: vielleicht habt ihr ja mitgekriegt, dass die Muslime seit Montag Ramadan haben! - sie fasten den ganzen Tag (3Uhr morgens bis 18:15 abends) und dürfen vor allem nichts trinken (und nicht rauchen, schlecht über andere sprechen…)! Und das bei ca.35 Grad im Schatten!! Das bedeutet: 90 Prozent der Palästinenser sind jetzt für einen Monat entweder total schlapp oder total schlecht gelaunt (die Raucher…) und ab 17:30 sind die Straßen wie leergefegt, weil alle zu Hause am Esstisch sitzen und darauf warten, dass der Muezzin mit “Allahu akbar“ anfängt (im Ramadan übrigens doppelt so laut wie normal!) um sich dann auf ihr Festmahl zu stürzen. Ramadan ist außerdem echt praktisch, weil man ihm die Schuld an allem geben kann: „It`s Ramadan!“ wenn irgendwas nicht klappt, langsam geht, jemand schlechte Laune hat… Gegen Abend wird dann auch der Verkehr auf den Straßen immer gefährlicher (…ist ja normalerweise schon chaotisch genug), die Leute sehen ja gar nicht mehr richtig wenn sie den ganzen Tag nichts getrunken haben… gestern war auch ein ganz schlimmer Unfall auf der Straße vor unserer Tür…da ist ein Mann gestorben! War wahrscheinlich nicht angeschnallt…

 Damit die nicht abends so lange auf`s Essen warten müssen, wurde außerdem am Montag auf Winterzeit umgestellt (jetzt sind wir wieder gleich mit Dtl.), allerdings nur in der Westbank (und in Gaza…sogar schon am Sonntag um zu beweisen wie unabhängig sie doch sind… Hamas halt.), d.h. komplette Verwirrung wenn man wie ich ungefähr einmal in der Woche in Jerusalem ist – da muss man dann erst mal ne Stunde umrechnen um pünktlich zu sein… toll! Das beschreibt ganz schön wie verrückt dieses Land ist, solche Sachen passieren hier dauernd!

Toll ist wie immer die Gastfreundschaft: wir waren gestern Abend bei der Tante von meiner Mitvolontärin in Ostjerusalem zum Fastenbrechen („Breakfast“) eingeladen und am Freitag gehen wir zu einem arabischen Kollegen nach Hause – das wird sicher richtig spannend, weil wir da auch bei den Vorbereitungen dabei sein dürfen! Den meisten Palästinensern ist es total wichtig, dass Ausländer herkommen und erleben wie es hier wirklich ist, weil sie das (berechtigte) Gefühl haben, dass die Welt viel zu wenig weiß oder falsche Infos hat. (Lustiges Detail: die Frauen dürfen wenn sie das Abendessen kochen ja eigentlich nicht abschmecken, aber im Koran steht wohl, dass sie eine Ausnahme machen dürfen, wenn sie einen Mann haben, der wütend wird wenn das Essen nicht schmeckt…)

Und heute war dann wieder Abenteuer (ich bin fies, gell? – jeden Tag ein neues Abenteuer…): Wir waren in Hebron! (zur Erklärung: Hebron ist eine der größten Städte in der Westbank und die einzige, wo mitten im Zentrum israelische Siedlungen sind.)  Weil man da besser nicht alleine hingeht, haben wir eine Tour mitgemacht, die „Breaking the Silence“ heißt und von ehemaligen israelischen Soldaten geführt wird. Die sind halt alle eher links eingestellt und wissen ganz viel darüber, wie den Palästinensern im Zusammenhang mit den Siedlern Unrecht angetan wird (Schulkinder werden mit Steinen beworfen, die Bewohner dürfen die Straßen teilweise nicht betreten…). Das Problem daran: die Siedler wissen natürlich, was uns da erzählt wird und wissen auch vorher, dass wir kommen, weil die Tour mit der Polizei koordiniert ist und da immer was durchsickert. Das heißt ihr müsst euch das Ganze folgendermaßen vorstellen: schon am Checkpoint vor der Stadt wurden wir (ein Bus mit ca. 30 Leute in einem Bus) von einer Eskorte aus ein paar Polizeiautos und ein paar Militärjeeps erwartet, die uns in die Stadt begleitet haben. Dort sind wir ausgestiegen und wurden dann bis wir wieder weggefahren sind die ganze Zeit von 50 bis 60 Soldaten und Polizisten (israelische natürlich) begleitet, die eine Kette um uns gebildet haben. Als erstes haben wir eine palästinensische Familie besucht, wo uns der Vater über ihr Leben mitten in Hebron erzählt hat (krass! er hat gesagt, im Vergleich dazu sei die Apartheid in Südafrika angenehm gewesen…). Dort mussten wir allerdings nach 12 min. leider schon wieder gehen (auf Anweisung der Polizei) und sind dann noch 2 ½ Stunden durch die Stadt gelaufen. Während der ganzen Zeit wurden wir von Siedlern verfolgt, die mit Megafonen so laut unseren Führer beschimpft haben (sie wussten seinen Namen und seine Adresse und haben ihn als Verräter bezeichnet und sogar behauptet er hätte arabische Kinder vergewaltigt!! Erst auf Hebräisch und dann, als sie begriffen hatten, dass die meisten von uns keine Israelis waren (ein paar waren dabei!), auf Englisch), dass wir kaum noch verstehen konnten was er uns erzählen wollte. Über Hebron gibt es soviel zu sagen, dass ich hier nicht wirklich den Platz habe, aber das Wichtigste ist im Grunde, dass der Teil von Hebron, in dem die Siedlungen sind und der sich unter israelischer Autorität befindet („H2“), immer mehr zum „Ghosttown“ wird. Die Israelis haben aus „Sicherheitsgründen“ die meisten Läden geschlossen, die meisten Straßen dürfen von den Palästinensern nicht mit Autos befahren werden und auf vielen dürfen sie nicht einmal zu Fuß gehen (auch wenn sie dort wohnen!). Oft gibt es Ausgangssperren und mitten in der Nacht Hausdurchsuchungen durch das Militär. Das alles hat dazu geführt, dass dort mittlerweile nur noch die wohnen, die keine Alternative haben. Die Stimmung ist so angespannt wie in kaum einer anderen Stadt in der Westbank (viele, wie z.B. Ramallah sind auch „zurückgegeben“ an die palästinensische Autonomiebehörde und dürfen von Israelis gar nicht betreten werden) und eskaliert immer wieder. In der Vergangenheit gab es in Hebron zwei schlimme Massaker, eins durch einen Palästinenser und eins durch einen Juden, der heute von den Siedlern als Held und Märtyrer gefeiert wird (Baruch Goldstein). Zum Abschluss unserer Tour waren wir noch kurz an seinem Grab, das in einem „Nationalpark“ liegt. Hebron ist deshalb so sehr umstritten, weil sich dort das „Tomb of Patriarchs“ befindet, die angebliche Grabstätte fast aller biblischen Patriarchen, die sowohl den Juden als auch den Moslems heilig ist.

Zum Thema Hebron findet ihr auch viel im Internet, auf www.YouTube.com kann man sogar Filme über die „Breaking the Silence“-Touren anschauen, inklusive Megafon… genauso war das heute.

So. Jetzt reicht es glaub ich auch erst mal wieder mit Infos… oder? ;-) Nur eine frohe Nachricht darf ich euch noch verkünden: ich habe ein Handy!!! –  00972549084744  –über SMS freue ich mich natürlich tierisch!! J

Dann hoffe ich mal, dass es euch allen gut geht und es immer noch nicht langweilig ist meine Berichte zu lesen!!!

bye bye und gut Nacht!!!

von Thareesa
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Friday, 29. august 2008 5 29 /08 /Aug. /2008 14:18
So. jetzt isses fast ein Monat. kaum zu glauben, es fühlt sich an als wäre ich erst gestern hier angekommen! Aber das sagen alle, die man hier fragt: dass die Zeit einfach wahnsinnig schnell vergeht... weil so viel passiert und einen die großen Unterschiede immer wieder überraschen und man immer wieder etwas Neues erlebt und sich im Grunde auf nichts verlassen kann... ein sehr unberechenbares Land!
Entscheidungen werden prinzipiell möglichst kurzfristig getroffen und dann noch "inschallah"-hoffentlich....
Arbeitstechnisch ist jetzt langsam Alltag eingekehrt: ich arbeite im Kindergarten mit (momentan noch) 5 Kindern und ab übernächster Woche hab ich dann sogar eine Kollegin... momentan arbeite ich mit meiner Chefin, aber die übernimmt dann die neue Babygruppe...
Nächste Woche is erst nochmal was ganz Neues: ein Camp in Israel!! Ich und die beiden anderen Volonteers (+noch eine Neue...) gehen mit, weil bei den ganzen Lehrern nicht sicher ist, dass sie eine Permission bekommen. Das sind dann also wir 4 und 4 Lehrer mit ca. 15 Behinderten, wir übernachten in Zelten...
von Thareesa
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