Seit 5 Monaten hier und endlich bin ich angekommen. Es ist Freitag das heißt draußen ruft der Muezzin doppelt so laut wie sonst, jetzt schon seit einer Stunde. Mir geht es gut. Ich vermisse ein bisschen die Freiheiten, die ich in Deutschland hätte, aber zum Glück gibt es in Jerusalem ein paar Volontäre, bei denen ich manchmal übernachten kann und dort herrschen europäischere Verhältnisse. Alleine in Palästina zu sein (und besonders als Frau) ist relativ schwierig. Die Familie hat einen so hohen Stellenwert, dass kaum jemand es nachvollziehen kann, warum man alleine so weit weg von sämtlichen Verwandten ist. Freunde spielen in der Regel eine kleinere Rolle als die Familie, die immer Priorität hat (und mit Familie meine ich alle bis zum letzten Großcousin). Freundschaften werden dadurch kompliziert, dass die meisten Frauen in meinem Alter langsam ans Heiraten denken, oder schon verheiratet sind, bei Männern das Gleiche, nur dass man da zusätzlich aufpassen muss, dass man nicht aus Versehen den Eindruck erweckt man wäre selber eine Kandidatin. Ansonsten muss ich sagen, dass ich gerade von den arabischen Männern positiv überrascht bin: das klassische Gerücht besagt, dass man sich hier als Frau praktisch nicht alleine bewegen kann – falsch! Abgesehen von Kommentaren wie „Hi, how are you“ und „Welcome“ wird einem in Ramallah in der Regel nicht einmal etwas hinterhergerufen, obwohl man als Ausländer auffällt als hätte man sich das Wort auf die Stirn tätowiert. Bis jetzt wurde ich immer sehr respektvoll behandelt und im Bus stehen die Männer sogar für einen auf, egal ob man Ausländerin ist oder Palästinenserin.
Hier wird es einfach nie langweilig! Wenn die ganzen politischen Spannungen nicht wären, wäre Israel/Palästina das perfekte Urlaubsziel! Diesen Monat habe ich es endlich geschafft ans Tote Meer zu fahren (eine Leistung, wenn man bedenkt, dass es nur eine Stunde Fahrt ist…). Dort ist es gleich mal zehn Grad wärmer und während wir in Ramallah schon Pullis tragen, konnte man dort ohne Probleme im Bikini baden! Aber zuerst sind wir noch ein bisschen gewandert bzw. geklettert in einem der tausend Nationalparks, die es hier gibt. Hinterher ins Wasser zu gehen war echt eine lustige Erfahrung, dieser Schwebezustand, aber da man nicht wirklich schwimmen kann, wird es schnell langweilig. Wir haben dann noch gemütlich gepicknickt und sind wieder nach Hause gefahren. Mittlerweile habe ich fast alles gesehen, was es zu sehen gibt, mir fehlen nur noch Tel Aviv (angeblich der „Big Apple“ des Nahen Ostens, was ich ja für eine grobe Übertreibung halte…) und die Negev. Vielleicht finde ich sogar noch ein Möglichkeit nach Nablus zu gehen, mal sehen.
Dieses Land (oder Länder) ist unglaublich kompliziert und anstrengend und manchmal so frustrierend, dass ich nicht verstehen kann, dass sich überhaupt jemand noch damit beschäftigen will, aber gleichzeitig hat es etwas an sich, das einen nicht mehr loslässt. Wenn man nach nur einer Stunde Fahrt im Toten Meer badet, oder in Ramallah in einem schicken Restaurant alle wie gebannt auf die Fernseher starren, weil dort irgendeine türkische Telenovela läuft, oder das Service-Taxi einfach mal kurz wartet, damit irgendjemand schnell einkaufen gehen kann, dann merkt man, dass die Leute und die Kultur es zu etwas Besonderem machen. Vor kurzem war „‘Id-al-Adha“, das Opferfest. Auf den Straßen wurden Hunderte von Schafen geschlachtet, ein sehr gewöhnungsbedürftiger Anblick, aber gleichzeitig auch irgendwie berauschend…
Obwohl ich Ausländerin bin geht ein großer Teil meiner Zeit im Bus und an Checkpoints drauf. Ich war noch nie ein besonders geduldiger Mensch, aber mit der ganzen Übung, die ich hier bekomme wird es langsam besser… ich glaube es gibt einfach einen Punkt, an dem man sich nicht mehr mehr aufregen kann und resigniert, ob man es will oder nicht. Vor allem die jungen Leute haben es hier wirklich nicht leicht. Selbst wenn sie eine gute Ausbildung haben, gibt es hier nicht genug Arbeitsplätze und nach Israel, wo man für egal welchen Job besser bezahlt wird, dürfen die meisten nicht. Als Deutscher würde man vermutlich einfach auswandern, aber die Palästinenser sind unvorstellbar stark mit ihrem Land verbunden. Ich habe jetzt schon öfter Leute getroffen, die sehr qualifiziert sind und sogar Verwandte im Ausland haben, die ihnen Jobs besorgen könnten, aber trotzdem nicht gehen wollen, oder weg waren und wiedergekommen sind. Ich glaube das ist auch einer der großen Punkte, in denen sich die Israelis verrechnen: man hat das Gefühl, dass sie zumindest zum Teil immer noch glauben, dass die Palästinenser, wenn man ihnen das Leben nur schwer genug macht, von alleine gehen.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht mal etwas klar stellen. Was ich schreibe klingt ja schon überwiegend pro-palästinensisch und nicht sehr neutral. Dabei ist es mir wichtig zu sagen, dass ich hier auf keinen Fall „anti-israelisch“ oder sogar Schlimmeres geworden bin. Es ist nur so (und diese Erfahrung teilen die meisten, die einige Zeit hier verbracht haben), dass man hier täglich vor die Nase gehalten bekommt, dass die Palästinenser den Israelis militärisch und organisationstechnisch so stark unterlegen sind, dass es schon fast lächerlich ist. Seit kurz nach Weihnachten greift Israel jetzt den Gaza-Streifen an. Am Abend des Tages an dem die ersten Bomben auf Gaza abgeworfen wurden war ich bei der Familie einer Kollegin eingeladen und dort lief die ganze Zeit der Fernseher. Als ich wieder zu Hause war, konnte ich nachfühlen, wie sich die Bevölkerung der Westbank fühlt: dieses Gefühl, dass das die eigenen Landsleute sind, von denen jeden Tag wieder hundert mehr tot sind und dreihundert mehr verletzt; dass im Grunde genauso gut die eigenen Kinder in der Schule hätten sein können, die da bombardiert wurde. Ohnmacht beschreibt es wahrscheinlich am besten. Die Demonstrationen, die täglich stattfinden, von denen alle wissen, dass in den internationalen Medien nicht davon berichtet wird, tagelanger Streik, der keinen einzigen Israeli beeindruckt, in Ramallah alle Silvester-Partys und alles Feuerwerk abgesagt – keiner ist in der Stimmung zu feiern – und was kann man schon tun? Alle Diskussionen drehen sich um immer die gleichen Themen, im Bus, in den Geschäften, aber Einfluss hat keiner. Was mich immer wieder beeindruckt, ist dass der Aufschrei in der Bevölkerung nicht lauter ist. Aber auf irgendeine Weise ist das fast schlimmer, als wenn die dritte Intifada losgebrochen wäre: die Menschen hier sind an solche Dinge gewohnt! Sie haben in der Geschichte mehrmals versucht für ihre Rechte und Überzeugungen zu kämpfen, sind gescheitert und das hat sie irgendwie gebrochen.
Das ist etwas, mit dem ich niemals gerechnet hatte, und das man auch nicht vermittelt bekommt von den Bildern mit brennenden Israel-Flaggen und vermummten Hamas-Kämpfern, aber man spürt es immer wieder. Ein Deutscher würde es sich niemals gefallen lassen, auf dem Weg zur Arbeit dreimal angehalten und kontrolliert zu werden, und das jeden Tag - den Aufruhr muss man sich nur mal vorstellen!
Was die Hamas tut und getan hat ist natürlich so oder so indiskutabel, aber die Befürchtung, die auch viele Experten geäußert haben trifft leider zu: Durch das Verhalten Israels wurde den Extremisten direkt in die Hände gespielt, auch hier in der Westbank tun sich immer mehr Menschen schwer, deutlich gegen sie zu sprechen, die Loyalität mit den Toten und Verletzten geht vor. Beobachter machen sich Sorgen was passiert, wenn hier im April tatsächlich die geplanten Wahlen stattfinden sollten. Das Vertrauen in die Fatah (Gegenpartei zur Hamas, an der Macht in der Westbank) schwindet, da Mahmoud Abbas keine großen Schritte in Richtung Unabhängigkeit vorzuweisen hat und außerdem kein Mann von großen Auftritten vor dem Volk ist. Die Hamas hat den Ruf sich um die einfachen Leute zu kümmern, was hauptsächlich historische Gründe hat: „Die Gruppe enthielt sich während der frühen siebziger und achtziger Jahre der "hohen" Politik und konzentrierte sich auf moralische und soziale Hilfe, wie etwa Angriffe auf die Korruption, sie versuchte Vertrauen aufzubauen und organisierte Gemeinschaftsprojekte.“(www.wikipedia.de) Eine Option ist, dass die Wahlen einfach verschoben werden, bis die Gemüter sich beruhigt haben und genug Leute die Fatah wählen… was wiederum mein Vertrauen in die palästinensische Demokratie nicht unbedingt bestärken würde.
Ich merke gerade, dass ich noch gar nichts über meine Arbeit geschrieben habe. Wenn das Umfeld so aufregend ist, vergisst man leicht, dass es ja auch noch einen Alltag gibt. Ich arbeite immer noch im Kindergarten und bin mittlerweile ein richtiger Teil des Teams. Es ist ein schönes Gefühl, dass wir alle, Kolleginnen und Kinder eine so eingespielte Routine haben, wenn ich vor ein paar Monaten noch nicht einmal im Land war! Ich habe mittlerweile auch schon ein paar Mal in der Schule ausgeholfen, was eine tolle Erfahrung war, die behinderten Kinder sind alle sehr lieb, auch wenn viele es zu Hause nicht einfach haben. Einen Tag lang habe ich mich mit einem Mädchen beschäftigt, dass im Rollstuhl sitzt und deshalb nicht mit zur Olivenernte konnte und am Anfang dachte ich „das wird nie was!“, aber im Endeffekt haben wir uns dann richtig gut verstanden, auch wenn sie die ganze Zeit Sachen runter geworfen hat, die ich dann wieder aufheben musste, weil sie das lustig fand… Im Advent hatte ich die Aufgabe mit einer Klasse Weihnachtsplätzchen zu backen und da waren die Kinder sehr begeistert und hochkonzentriert bei der Sache! Die Plätzchen haben wir dann auf dem Weihnachtsmarkt im Goethe-Institut verkauft, zusammen mit ungefähr 30 Christstollen, die hauptsächlich ich gebacken hatte – ich werde nie wieder Stollen essen!
Wie habe ich Weihnachten verbracht, so weit weg von der Familie? Am 24. gegen Mittag bin ich zuerst nach Ramallah gefahren (wo man außer ein Bisschen kitschiger Deko nichts von Weihnachten merkt) und dann nach Jerusalem. Nachdem ich erst geholfen hatte die Kirche zu schmücken, gab es ein großes Essen in der Gemeindebibliothek, Sauerbraten, Rotkraut und Kartoffelbrei – von Arabern zubereitet! Anschließend fand ein großer Weihnachtsgottesdienst statt. Das Besondere daran: mehr als die Hälfte der Gottesdienstbesucher waren israelische Juden! Hier scheint deutsche Weihnacht eine echte touristische Attraktion zu sein. Der Gottesdienst (so überfüllt, dass viele stehen mussten) war viersprachig: Deutsch, Englisch, Hebräisch und Arabisch, damit jeder wenigstens ein Bisschen verstehen konnte… sehr skurril!
Als der Gottesdienst vorbei war, fing der anstrengende Teil des Abends an. Wie jedes Jahr konnte wer wollte (hauptsächlich Volontäre) zu Fuß nach Bethlehem gehen. Wir sind ca. um zwölf los und haben ungefähr drei Stunden gebraucht, bei Regen und furchtbar kaltem Wind! In Bethlehem war dann vom ganzen Weihnachtsrummel kaum noch was zu spüren, dafür konnten wir in die Geburtskirche und dort einen armenischen Gottesdienst beobachten, bevor wir wieder durch den Checkpoint und mit dem Taxi zurück nach Jerusalem gefahren sind.
Jetzt nach Weihnachten war meine Familie zu Besuch. Eine sehr schöne Erfahrung, Außenstehenden alles zu zeigen, was ich in den letzten Monaten entdeckt habe und man bekommt auch nochmal einen ganz anderen Blick auf die Dinge, wenn man die Reaktionen von anderen miterlebt. Ich dachte, dass ich vielleicht Heimweh bekommen würde, aber das ist überraschenderweise überhaupt nicht passiert, ich habe das sehr starke Gefühl, dass ich noch mehr Zeit hier brauche. Das Land ist so vielschichtig und ich kratze bisher nur an der Oberfläche. Selbst wenn ich weiß, dass ich hier nie komplett dazugehören würde, mich nie völlig anpassen könnte, wandere ich momentan doch noch ein bisschen zu verloren und mit großen Augen hier herum. Ein Faktor ist natürlich auch die Sprache, die doch richtig schwer ist und in der ich trotz zweier Kurse noch ziemlich schwimme. Kleinere Unterhaltungen gehen schon, meine Dreijährigen habe ich im Griff und bis jetzt noch nicht aus Versehen einen Heiratsantrag angenommen, aber mit den meisten Leuten kann man halt auch so schön Englisch reden…
Trotz aller Unsicherheit was die politische Lage angeht, bin ich immer noch sehr glücklich hier zu sein und freue mich, noch ein paar Monate zu haben um dieses Land zu verstehen. Um die restlichen Zweifel zum Thema Sicherheit zu beseitigen: geschlossene Checkpoints bedeuten nicht, dass man als Ausländer nicht mehr nach draußen kommt, ich lese regelmäßig die Sicherheitshinweise des deutschen Vertretungsbüros in Ramallah und im Notfall ist man von hier in einer Stunde am Flughafen in Tel Aviv.
Macht euch keine Sorgen!
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